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Der Onlinekatalog der Zentralen

*** Willkommen bei unserem Adventskalender! ***

Hinter jeder Kugel unseres musikalischen Adventskalenders verbirgt sich ein anderer politischer Song. Von jedem Song werden zunächst nur ein paar Liedzeilen veröffentlicht, anhand derer es dann zu erraten gilt:

- Wie lautet der Songtitel?
- Wer hat ihn
gesungen?
- In welchem Jahr ist er erschienen?

Viel Spaß beim Mitraten!

Wer die Antwort einreichen und beim Gewinnspiel mitmachen möchte, hier weitere Infos zu den Teilnahmebedingungen und Preisen.

SONG 21

AUFLÖSUNG



WECK MICH AUF aus dem Jahr 2001 gesungen von SAMY DELUXE

Wir leben in ´nem  Land,
in dem mehr Schranken steh'n als es Wege gibt,
mehr Mauern als Brücken, die Stimmung ist negativ.
Und die Alten fragen: Warum rauch ich täglich Weed
und warum sind ich und meine ganze Generation so depressiv?
Wir sind jeden Tag umgeben von lebenden Toten,
umgeben von Schildern, die uns sagen: Betreten Verboten!
Umgeben von Skinheads, die Türken und Afrikanern das Leben nehmen

Während Bullen daneben steh'n, um Problemen aus dem Weg zu geh'n.
Umgeben von Jasagern, die alles nur nachlabern,
denen kaltes, dunkles Blut pumpt durch die Schlagadern,
umgeben von Kinderschändern, die grad mal Bewährung kriegen,
genau wie die scheiß Nazis, deren Opfer unter der Erde liegen.
Hat dieses Land wirklich nicht mehr zu bieten
als ein paar Millionen
Arschgesichter mit 'ner Fresse voller Hämorrhoiden?
Die meinen, dies Land sehr zu lieben, doch sind nicht sehr zufrieden.
Paßt zu eurem Frust - oder warum seid ihr hier geblieben?
Ich muß mich von euch ganzen Schlappschwänzen abgrenzen,
all den ganzen Hackfressen, die mich jeden Tag stressen.
Es sind die gleichen Leute an der Spitze, die sich satt essen
und Minderheiten werden zur Mehrheit und trotzdem vergessen.

Weck mich bitte auf aus diesem Albtraum.
Menschen seh'n vor lauter Bäumen den Wald kaum.
Man versucht uns ständig einzureden,
daß es noch möglich wär', hier frei zu leben.
Weck mich bitte auf aus diesem Albtraum.

Menschen seh'n vor lauter Bäumen den Wald kaum.
Ich und du und er und sie und es sind
besser dran, wenn wir uns selber helfen.

Ich bin der Typ, der kurz nach Beginn der Party schon geht,
weil ich nicht feiern kann, solange ich in Babylon leb.
Wir haben miese Karten, regiert von Psychopathen,
verwaltet von Bürokraten, die keine Gefühle haben.
Kontrolliert von korrupten Cops, die oft Sadisten sind,
Verdächtige suchen nach rassistischen Statistiken,
gefüttert von Firmen, die uns jahrzehntelang vergifteten,
informiert durch Medien, die's erst zu spät berichteten.
Scheiß auf'n Unfall im Pkw, Schäden von THC,
wir hab'n bald alle BSE.

Und du schaust noch auf dein EKG, bevor dein Herz stoppt
und denkst: 'Auf'n dickes Steak hätt' ich trotzdem jetzt Bock.'
Verdammt nochmal! Gehirnwäsche pur, rund um die Uhr,
und Vater Staat schlägt und vergewaltigt Mutter Natur.
Die scheiß Politiker dienen der dunklen Seite wie Darth Vader
und haben 'nen Horizont von circa einem Quadratmeter.
Keine eigene Meinung, doch zehn eigene Ratgeber.
Die schwachsinnigen Scheiß reden als hätten sie'n Sprachfehler,
hoffen, die braven Wähler zahlen weiterhin gerne Steuergelder,
doch ich bin hier, um Alarm zu schlagen wie'n Feuermelder.

Weck mich bitte auf aus diesem Albtraum.
Menschen seh'n vor lauter Bäumen den Wald kaum.
Man versucht uns ständig einzureden,
daß es noch möglich wär', hier frei zu leben.
Weck mich bitte auf aus diesem Albtraum.

Menschen seh'n vor lauter Bäumen den Wald kaum.
Ich und du und er und sie und es sind
besser dran, wenn wir uns selber helfen.

Was sagt wohl Schröder dazu? Ich glaub, ich ruf ihn mal an.
Sag zu ihm: Gerhard, schau dir doch unsere Jugend mal an.
Ein Drittel starrt mit offenem Mund auf ihre Playstations,
das zweite Drittel feiert im Exzess als Rave-Nation
abhängig von teuflischen pharmazeutischen Erzeugnissen,
weil sie nicht wussten was diese scheiß Drogen bedeuteten.
Das dritte Drittel hängt perspektivlos rum auf deutschen Straßen,
Kids mit dreizehn Jahren zieh'n
sich schon dies weisse Zeug in die Nase,
die keine Ziele, aber nur Träume haben und das sind meist teure Wagen,
sie planen ihr Leben nicht weiter als heute abend,
denken zur Not geht es wie bei Nintendo noch neu zu starten,
scheissen drauf, ob sie bald sterben - wer will schon alt werden?
In diesem Land, in dem mehr Schranken stehn als es Wege gibt,
mehr Mauern als Brücken, die Stimmung ist negativ.
Für die Alten: Darum rauchen wir täglich Weed
und deshalb sind ich und meine ganze Generation so depressiv

Weck mich bitte auf aus diesem Albtraum.
Menschen seh'n vor lauter Bäumen den Wald kaum.
Man versucht uns ständig einzureden,
daß es noch möglich wär', hier frei zu leben.
Weck mich bitte auf aus diesem Albtraum.

Menschen seh'n vor lauter Bäumen den Wald kaum.
Ich und du und er und sie und es sind
besser dran, wenn wir uns selber helfen.

 

ZUR ENTSTEHUNG

In dem gesellschaftskritischen Rap-Song "Weck mich auf" spricht der Hamburger Rapper Samy Deluxe über Probleme wie Ausländerhass, Drogen und Kindesmissbrauch sowie auch über Bürokraten und Politiker, die die Probleme ignorieren. Außerdem wird die Perspektivlosigkeit der Jugend angesprochen, die durch Computerspiele und Drogenkonsum versucht, sich von ihren Sorgen abzulenken. Bis auf Platz vier stieg der gesellschaftskritische Song damals in den deutschen Charts.

Hymne aller wütenden Teenager

Lisa Ludwig, Redakeurin bei VICE, erinnert sich:

"Ich war 12 und ein ziemlich wütender Teenager – ich wusste nur nicht so genau, worauf ich eigentlich so wütend war. Da war nur dieses vage Gefühl der Unzufriedenheit, die Gewissheit, dass es Dinge in unserer Gesellschaft gibt, die gewaltig falsch laufen, deren Umfang und Ursachen ich damals allerdings noch nicht vollends greifen konnte. “Weck Mich Auf” zielte mitten in dieses schwarze Loch der unfokussierten Gesellschaftskritik.

Er war der perfekte Song, um seinen Eltern zu zeigen, dass Rap auch ohne Sexismus und böse Fäkalwörter auskommt. Das Lied, das man seinen Freunden vom Gymnasium vorspielte, mit denen man sich davor höchstens auf Blumentopf einigen konnte. Samy Deluxe hat mir und vielen anderen jungen, desinteressierten, aber grundlegend doch aufnahmebereiten Teenagern den Blick dafür geöffnet, dass Rap auch eine nicht zu unterschätzende politische Komponente hat. So oberflächlich sie einem im Nachhinein auch vorkommen mag.

Nazis! Drogen, die junge Leben zerstören! Korrupte Politiker! Kinderschänder! Samy gab einem Feindbilder, die man entweder schon aktiv teilte oder auf die man sich zumindest problemlos einigen konnte. Gleichzeitig griff er einen Punkt auf, der meine Generation nach wie vor umtreibt: Zukunftsangst. Heute müssen sich die sogenannten Millennials dafür beschimpfen lassen, dass sie Avocado-Toasts statt Häuser kaufen, während sie sich durch unterbezahlte Praktika und befristete Arbeitsverträge kämpfen und ganz genau wissen, dass Rente beziehen für sie eher keine Option ist. Damals gab es zumindest schon die Ahnung, dass das mit dem Beruf, dem man sein Leben lang nachgeht, nicht ganz so einfach wird. Addiert man dazu noch die ganz alltäglichen Teenager-Ängste, sieht die Zukunft plötzlich alles andere als strahlend aus.

Samy rappt über Jugendliche, die lieber “mit offenem Mund auf ihre PlayStations” starren, “im Exzess als Rave-Nation” feiern und “perspektivlos” in Tagträumen leben, als tatsächliche Ziele zu haben. Wenn man in diesem Land sowieso nicht mehr alt werden will, warum sich dann überhaupt noch darum scheren, ob der eigene Lebensstil einen deutlich vor Renteneintrittsalter ins Grab bringt? Das mag dramatisch und überzeichnet klingen, war in seiner Essenz aber genau das, was ich fieberhaft in mein Notizbuch gekritzelt habe, als ich in meiner pubertären Hochphase fest davon überzeugt war, unbedingt gesellschaftskritische Gedichte schreiben zu müssen.

Viel interessanter noch als seine dankbare Projektionsfläche ist an “Weck Mich Auf“, wie aktuell es noch immer ist. Das liegt natürlich daran, dass das Thema soziale Gerechtigkeit für viele Politiker immer noch vor allem ein nettes Buzzword ist, was sich im Wahlkampf gut macht und danach wieder vergessen wird. Das liegt daran, dass die nachwachsenden Generationen langsam aber sicher begriffen haben, dass die Mittelschicht wegbricht, in der viele von ihnen aufgewachsen sind. Und das liegt allem voran auch daran, dass die AfD als drittstärkste Partei in den Bundestag eingezogen ist und Deutschland somit politisch ein ganzes Stück nach Rechts rückt.

Quelle: Lisa Ludwig, Redbull, 6.8.2017

Visuelle Reise durch die tiefsten Abgründe der Bundesrepublik

Im Gegensatz zum US-Rap hat Deutsch-Rap keine besonders lange Geschichte als sozialkritisches Vehikel für Abgehängte und Minderheiten. Eine Ausnahme bildet das dystopische Schwarz-Weiß-Video zu "Weck mich auf" von Samy Deluxe. In einer außerkörperlichen Erfahrung berichtet er unter anderem von Drogenkonsum aus Perspektivlosigkeit oder Racial Profiling der Polizei, lange bevor das Bewusstsein dafür auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist und ist damit zumindest in Teilen noch heute frustrierend aktuell. Die visuelle Reise durch die tiefsten Abgründe der Bundesrepublik ist das Gegenteil eines Feel-Good-Movies und gerade deshalb so wichtig.

Quelle: Musikexpress, 28.11.2018